4. Ein Tag in meinem Leben in Piura

Guten Morgen, Peru. Es ist sechs Uhr und mein Wecker klingelt. Wie an jedem anderen Tag des Jahres geht die Sonne auch heute genau um diese Uhrzeit auf. Aber noch ist es relativ dunkel. Da bereits Winter ist, war es in der Nacht mit 20 Grad angenehm kühl. Ich wache aus einem tiefen Schlaf auf – auf meiner, von ehemaligen Freiwilligen schon sehr durchgelegenen, Matratze und mit Muskelkater.

Das erste, was ich sehe, ist das pinke Moskitonetz, das über meinem Bett gespannt ist, um Mücken fernzuhalten. Draußen ist es um diese Uhrzeit noch sehr ruhig. Ich stehe auf, esse eine Granadilla, trinke einen Kaffee und mache mich fertig. Heute steht ein langer Tag an. Meine Flasche fülle ich an einem großen Kanister auf, da das Leitungswasser ungenießbar ist.

Jetzt geht es ins Fitnessstudio, das in Sachen Modernität mit Deutschland vergleichbar ist. Heute trainiere ich Rücken, Bizeps und Unterarme. Da ich mich mit einem Freund, mit dem ich öfter trainiere, etwas verquatscht habe, muss ich mich auf dem Heimweg spurten.

Mittlerweile ist es halb neun, und langsam wacht die Stadt Piura auf. Ladenbesitzer entfernen laut scheppernd die Metallvorrichtungen ihrer Geschäfte, die als Einbruchschutz gedacht sind. Gleichzeitig heben der rege Verkehr und die vielen Autohupen den Geräuschpegel deutlich an.

Während Taxifahrer zu möglichen Kunden rufen, Straßenverkäufer ihr vielfältiges Angebot an Süßigkeiten, Sandwiches, Sonnenbrillen, Zeitschriften usw. lauthals bewerben, ertönt aus einer riesigen Musikbox „No tiene sentido“ von Beéle.

Auf meinem fünfminütigen Heimweg werde ich mehrmals gefragt, ob ich nicht 50 Cent hätte, eine Sonnenbrille kaufen möchte oder im Austausch von Dollar garantiert gefälschte Soles, die Währung Perus, erwerben will. An die vielen Blicke und die nicht seltene Bezeichnung als „Gringo“ habe ich mich bereits gewöhnt.

Zu Hause angekommen, bereite ich mein Frühstück zu: Haferflocken, Apfel, Banane, Mandarine und Wasser. Ich dusche mich kalt – warmes Wasser gibt es nicht –, packe meinen Rucksack und mache mich noch immer schnellen Schrittes auf den Weg zur Arbeit.

Ich entscheide mich heute, ein Moto zu nehmen. Das sind Motorradfahrer, die einen – etwas billiger als ein Taxi – ans Ziel bringen. Nach einer schwindelerregenden Fahrt, knapp an Bussen und Autos vorbei, über rote Ampeln und durch enge Straßen, komme ich bei Canat, dem Zentrum, in dem ich arbeite, an.

Dort habe ich eine halbe Stunde Zeit, um Assistenzlisten auszudrucken, Material vorzubereiten und Tische und Stühle aufzubauen. Denn bereits um zehn Uhr beginnt eine meiner beiden Grupo Discapacidades – das sind zwei Gruppen mit jeweils vier Jugendlichen mit Behinderungen, die wir in verschiedenen Themen aus- bzw. weiterbilden.

Heute geht es um das Thema Geschlecht und Sexualität. Bei diesem mit Scham verbundenen Thema fällt es den Teilnehmern schwer mitzumachen und ihre Gedanken auszusprechen. Cintiha, die andere Gruppenleiterin, und ich versuchen daher, uns dem Thema langsam und spielerisch zu nähern. Nachdem doch noch ein halbwegs vernünftiges Gespräch entstanden ist, wir eine Menge gelacht und am Ende noch Basketball gespielt haben, ist die Gruppenstunde vorbei.

Jetzt ist es 11:30 Uhr, die Temperaturen steigen und die Sonne brennt unerbittlich. Nun kommen auch meine beiden Mitfreiwilligen Timon und Sandro. Es steht administrative Arbeit in der riesigen Datenbank von Canat an. Wir müssen Familien anrufen, um deren persönliche Daten auf den neuesten Stand zu bringen, physische Assistenzlisten in Excel übernehmen, Spiele für die Ludoteca und eine Jugendgruppe überlegen und Material für die Gruppen vorbereiten.

Um 13 Uhr kann sich, aufgrund der Hitze, fast keiner mehr konzentrieren – aber zum Glück ist jetzt Mittagspause. Wir drei Deutschen gehen gemeinsam in ein nahegelegenes Restaurant, bei dem es ein vegetarisches Mittagsmenü für drei Euro gibt. Da hygienische Vorgaben oft vernachlässigt werden, muss man genau darauf achten, wo und was man isst. Auch hier, in einem eigentlich sehr sauber wirkenden Restaurant, haben wir mal einen lebenden Wurm im Essen gefunden.

Heute gibt es Reis mit Gemüse, Pommes und Soja-Fleisch – die vegetarische Version des in Peru sehr beliebten „Lomo Saltado“. Wir quatschen häufig über die Arbeit, das Fitnessstudio oder politische Themen – auch über unseren Freiwilligendienst, über Peru, was wir an Deutschland vermissen und wie die Rückkehr, auf die wir mit gemischten Gefühlen blicken, wohl sein wird.

Wir gehen zurück zu Canat, um verbleibende Aufgaben zu erledigen, bis es um 15 Uhr nach Monica Zapata, einer relativ armen Wohnsiedlung im Bezirk „26 de Octubre“ Piuras, geht. Auf der etwa zehnminütigen Fahrt im kleinen Auto von Don Hector, dem Taxifahrer Canats, sitzen wir meist zu sechst, manchmal auch zu siebt, hören Musik und lachen viel.

In der Ludoteca angekommen, warten wir, bis die Jugendlichen für die heutige Gruppensitzung ankommen. Schlussendlich sind zwölf Teilnehmer da – manchmal sind es mehr, manchmal weniger.

Das heutige Thema: Entscheidungen treffen. Wir reflektieren gemeinsam über bedeutende vergangene Entscheidungen und lernen, wie man gute Entscheidungen trifft. Viele dieser Stunden bereitet mein Arbeitskollege Alvaro vor – er ist studierter Psychologe, und ich selbst lerne bei seinen Einheiten oft noch etwas dazu.

Nach dem theoretischen Teil geht es nach draußen für Sport und Spiele. Timon und ich haben ein Spiel vorbereitet, bei dem Teams sich eine bestimmte Farbreihenfolge merken und unter Zeitdruck nachstellen müssen – viel Bewegung, viel Spaß. Danach spielen wir Fußball in Paaren, wobei der linke Fuß des einen mit dem rechten Fuß des anderen verbunden ist.

Es ist nicht leicht, Spiele zu finden, die wirklich allen Spaß machen und bei denen Jungs und Mädchen ungefähr gleiche Chancen haben. Deshalb versuche ich oft, verschiedene Fähigkeiten in einem Spiel zu kombinieren – z. B. Schnelligkeit mit Erinnerungsvermögen oder Fußball-Skills mit Koordination.

Gegen 18 Uhr beenden wir den Nachmittag mit dem Círculo final, bei dem wir kurz über das Gelernte reflektieren und die Jugendlichen ihre Teilnahme, die Gruppe und die Leitung bewerten.

Auf dem Heimweg durch den Berufsverkehr geht die Sonne langsam unter, und ein kühler Wind sorgt für eine angenehme Temperatur.

Der Tag neigt sich dem Ende zu. Ich denke über die Zeit vor Peru nach. Mein vorheriges Leben scheint nach über neun Monaten hier ewig her. Ich erinnere mich kaum, wie es dort war. Jetzt ist Piura meine Heimat.

Doch in drei Monaten geht es zurück. Und anders als der Abschied aus Deutschland, wird dieser hier aus Peru endgültig. Ich kriege Gänsehaut – dieser Gedanke löst in mir ein unbeschreibliches Gefühl aus.

Zu Hause kochen Timon, Sandro und ich, wir lachen viel und spielen Karten.
Dann geht es ins Bett.
Gute Nacht, Peru.

Hinterlasse einen Kommentar

Abonnieren

Gib deine E-Mail-Adresse ein, um Updates zu erhalten.